BUND Kreisverband
Groß-Gerau

BUND Kreisverband: "Rolle rückwärts" - wegen Putins Krieg?

09. April 2022

© Tom Fisk https://www.pexels.com/de-de/@tomfisk

Kriegsbedingter Anbau auf ökologischen Rückzugsräumen wäre verantwortungslos!

Über das  Thema Ukrainekrieg und Ernährungslage wurde breit berichtet. EU-Kommission sowie einige Union- und SPD geführte Bundesländer hätten sich dafür ausgesprochen, bisherige Brachflächen kriegsbedingt für den Anbau von hochwertigen Lebensmitteln freizugeben. Einzelne Landwirte aus der Region werden zitiert, die das ähnlich sehen. Sie verstünden nicht, warum sie einen Teil ihrer stillgelegten Flächen nicht beackern dürften, obwohl doch Ernährungsengpässe drohten.

Der BUND Kreisverband warnt entschieden davor, die verabredeten Ziele der nachhaltigen Entwicklung unter dem Eindruck von Krieg und seiner Folgen zu opfern. Wer die aus der Produktion herausgenommenen ökologischen Vorrangflächen als „unproduktiv“ bezeichnet, verkennt ihre immense Umweltbedeutung: Blühstreifen, Brachland, Feldgehölze, Grün- und Offenland sind elementare Rückzugs- und Schutzräume für Insekten, Kleinsäuger und Vögel, die nicht weiter bedroht werden dürfen. Sie sind ohnehin massiv gefährdet durch wachsende Siedlungen und Gewerbebauten. Intakte arten- und blütenreiche Landschaften sowie gemäßigte Klimaverhältnisse sind letztlich auch die Grundlagen der Landwirtschaft und liegen in ihrem eigenen Interesse.

Der BUND Kreisverband plädiert dringend dafür, auch im Bereich der Landwirtschaft klug und nachhaltig auf den Kriegsschock zu reagieren. Wissenschaftler haben erneut einen alarmierenden Anstieg von Erderhitzung und Artenschwund festgestellt. Es wäre verantwortungslos, wenn Politik die hart umkämpften Vorhaben und bestehenden Auflagen für Umwelt und Klimaschutz im Eiltempo kassieren würde, ohne dass dafür eine nachgewiesene Notwendigkeit besteht.

Studien, die dem BUND vorliegen, widerlegen einige der öffentlich vorgetragenen Behauptungen zum Ernährungsnotstand. Danach ist es falsch, dass man in der EU 10 Mio. Tonnen Getreide mehr ernten könnte, wenn man angeblich 4 Mio. Hektar stillgelegter Äcker wieder für den Anbau nutzen würde. Das meiste davon sind aber landwirtschaftlich unergiebige Böden wie Grenzertragsflächen, Kleinstflächen, Grün- und Weideland, Landschaftselemente wie Hecken, Wege oder Halbwüsten wie im Mittelmeerraum.

Die Studie belegt auch, dass es in der EU aktuell keine tiefgreifende Versorgungskrise bei Lebensmitteln gibt. Der Zugriff auf ökologische Vorrangflächen geschähe demnach ganz ohne Not. Denn die EU ist bei vielen landwirtschaftlichen Produkten, gerade auch bei Getreide, zu über 100 % Selbstversorgerin und exportiert davon sogar die Hälfte. Sowohl die Ernteausfälle in der Ukraine als auch die angekündigten Ausfuhrbeschränkungen Russlands treffen in erster Linie die Entwicklungsländer, kaum dagegen die EU. Der BUND fordert deshalb u.a. stärkere finanziellen Hilfen für das Welternährungsprogramm.

Überdies zeigt diese Studie eine weitere Schieflage auf: Über 70 Prozent aller Anbauflächen der EU werden für die Herstellung von proteinreichem Tierfutter und für Bio-Kraftstoffen verwendet. Also in erster Linie nicht für die unmittelbaren Grundbedürfnisse der menschlichen Ernährung. Auf einer halben Mio. Hektar Agrarflächen, also auf der doppelten Fläche Luxemburgs, bauen Landwirte Raps und Palmöl für Biodiesel und Ethanol an. Dies kommt nach Meinung der Autoren der Studie einer faktischen Verbrennung von Lebensmitteln gleich. Ein großer Teil der Ernten könnte die bereits bestehende und zukünftige Nahrungsmittelknappheit auf der Welt bekämpfen, wenn beispielsweise der Konsum von Fleisch aus der Massentierhaltung zurückginge. Der Bund unterstützt deshalb die Forderung vieler Wissenschaftler, Tierbestände flächengebunden zu reduzieren, weniger Fleisch zu essen und vor allem weniger Lebensmittel zu verschwenden.

Die zitierten Landwirte aus dem Kreis beklagen zu Recht, dass ihre Einnahmen durch die Kostenexplosion von Energie, Dünger und Pflanzenschutzmitteln bedroht sind. Der BUND ist aber überzeugt: Auch die Landwirtschaft muss mit wirksamer Förderung weitere Schritte tun, um naturverträglicher und letztlich kostensparender Lebensmittel zu erzeugen. Die Gesellschaft sollte die Abhängigkeit von fossilen Energien wie aktuell in allen Wirtschaftsbereichen auch in der konventionellen Landwirtschaft auf den Prüfstand stellen. Schließlich ist die Landwirtschaft für nahezu ein Drittel der klimaschädlichen Emissionen weltweit verantwortlich. Wenn Landwirte bereit sind, auf naturnahe und ökologische Anbauverfahren umzustellen, erhöht dies nachhaltig die Leistungsfähigkeit der natürlichen Ressourcen, z.B. von humusreichen Böden, und sichert langfristig Ernten und Einkommen.

Quelle:
https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/bund/bund_sofortmassnahmen_energiesektor_agrarsektor_ukraine_krieg.pdf
https://www.martin-haeusling.eu/images/220322_Factsheet_zu_Ukraine-Krieg_Versorgungssituation_Haeusling_Kuenast.pdf

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