Kompletter Leserbrief Frankfurter Rundschau

Kompletter Wortlaut des Leserbriefes unseres Mitgliedes Bernd Kunz zum Artikel "Solarstrom gefährdet Stromnetze", der am 15.10.2010 in der Frankfurter Rundschau zu lesen war. In Auszügen wurde der Leserbrief von der Frankfurter Rundschau am 21.10.2010 veröffentlicht.

Der Artikel in der FR vom 16.10.2010 „Solarstrom gefährdet Netze“ ist völlig einseitig.

Der Preissenkungseffekt des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) neutralisiert die EEG-Umlage für Photovoltaik und Windkraft, sofern er von den Energiekonzernen an die Verbraucher weitergegeben wird.

Der Artikel „Solarstrom gefährdet Netze - Dena warnt vor Überlastung und fordert weniger Förderung / Mieterbund fürchtet Kosten“ in der Frankfurter Rundschau stellt den Sachverhalt so dar, dass die jetzt für 2011 neu festgelegte EEG-Umlage von 3,5 Ct/kWh den Strompreis um den gleichen Betrag verteuert. Das ist falsch.

Der Preis für Strom wird an der Börse durch das jeweils teuerste Kraftwerk bestimmt, das noch benötigt wird, um die Stromnachfrage zu befriedigen (Merit-Order). Das EEG gibt dem Strom aus erneuerbaren Energien Vorrang vor Strom aus Kohle oder Kernkraft und reduziert damit die Nachfrage nach konventionellem Strom. Entsprechend der Merit-Order werden daher die teuersten Kraftwerke zur Nachfragedeckung nicht mehr benötigt und der Strompreis an der Börse sinkt entsprechend. Dieser Effekt gleicht den EEG-Aufschlag im Mittel aus. Je nach Stromanbieter und dessen Umfang des Stromeinkaufs an der Börse wirkt sich dieser Preisabschlag mehr oder weniger auf seine Kostenkalkulation aus.

Es wird sich zeigen, ob die Stromanbieter diesen Preisvorteil beim Stromeinkauf an die Verbraucher weitergeben oder ob sie weiterhin die EEG-Umlage als Vorwand für Preiserhöhungen vorschieben . Verbraucherschützer sollten ein Auge hierauf werfen.

Der FR-Artikel ist völlig einseitig und journalistisch keinesfalls ausgewogen. Den Ruf nach dem Stopp der Förderung von Atomkraft (6 Ct/kWh gemäß einer Studie von Greenpeace) sucht man vergebens. Die folgenden Vorteile der Photovoltaik und Windkraft sind nicht einmal ansatzweise erwähnt:

  • Jede kWh Strom aus einem Kohlekraftwerk verursacht etwa 1kg CO2-Ausstoß, die durch jede kWh aus Photovoltaik oder Windkraft vermieden wird.
  • Unsere hohe Abhängigkeit vom Import wird durch die Erneuerbaren Energien vermindert. Bei konventionellen Energien beträgt sie für Kernkraft 100%, Erdgas 80 %, Steinkohle 70% (davon über 60% aus Australien!, Kolumbien! und Südafrika!),
  • Photovoltaik und Windkraft führen zu regionaler Wertschöpfung. Das Geld bleibt in den Kommunen und gelangt nicht in die Taschen von Konzernen bzw. von „Scheichs und Putins“.

Der starke Anstieg der installierten Photovoltaik-Anlagen 2010 von 9,5 Gigawatt gegenüber 4 Gigawatt 2009 ist aus den hier genannten Gründen für uns alle vorteilhaft. Offenbar will der Chef der Dena, Stephan Kohler, mit seiner Äußerung „Solarstrom überlastet Stromnetze“ die Netzbetreiber nach mehr als 12 Jahren Photovoltaik wachrütteln, damit sich diese endlich von Stromzählern aus dem 19. Jahrhundert verabschieden. Die neue Technologie ist schon lange vorhanden und kann zur Stabilisierung der Netze eingesetzt werden.

Mit schlauen Stromzählern (Smart Meter) kann der Stromverbrauch so gesteuert werden, dass Verbraucher von Stromüberangeboten (zu günstigeren Tarifen) profitieren können. Unter dem Überbegriff Smart Grids (Schlaue Netze) gibt es eine Reihe weiterer Technologien zur Steuerung des Stromangebotes, zu denen Erfahrungen vorliegen, z.B. durch bedarfsgesteuerte Blockheizkraftwerke oder Gasturbinen. Diese Entwicklung der Stromnetze muss jetzt endlich in Gang kommen und Kommunen, die ihre Stromnetze wieder in eigener Regie betreiben, haben wegen der Unabhängigkeit von den großen Energieversorgern hierbei viele Vorteile. Den Ausbau der Photovoltaik zu bremsen, ist der Weg in die völlig falsche Richtung. Mehr Tempo und Kreativität beim Umbau der Stromnetze sind gefragt, um den Weg der Erneuerbaren Energien zu bahnen. Sonst werden wir in 100 Jahren noch die sogenannte „Atomkraftbrücke“ haben!

Dipl.-Math. Bernd Kunz
BUND für Umwelt und Naturschutz e.V.
MdV Bereich Energie Kreisverband Groß-Gerau
Mörfelden-Walldorf, 18.10.2010

URL zum Artikel in der Frankfurter Rundschau

aktualisiert am: 24.10.2010

Atomkraft? Nein Danke!

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